Handball

Deutsche Handballer und Olympia:Fort Knox statt Fort Nix

Der „Kieler Block“ ist zurück und soll den Handballern die Olympia-Teilnahme sichern – die Rückkehr der Spieler dürfte bei den Quali-Partien die Statik in der Abwehr grundlegend verändern.

Die Abwehr der deutschen Handball-Nationalmannschaft hatte mal den Ruf, eine Art Fort Knox zu sein. Eine schwer geschützte Sicherheitszone, wie der berühmte Militärstützpunkt im US-Bundesstaat Kentucky, in dem die Goldreserven der USA lagern. Eine Abwehr also, an der entweder alles abprallt oder die nur unter großen Schmerzen Gegentore zulässt. Darauf kommt es ja unter anderem an im Handball: dem Gegner nur unter größtmöglichem Aufwand seine Tore zu gestatten.

Bei der Weltmeisterschaft in Ägypten, die das deutsche Team im Januar als Zwölfter abschloss, war nie die Rede von Fort Knox, die Abwehr glich – von Ausfällen geplagt – manchmal einer Gartenlaube, gesichert mit einem dünnen Karabinerhaken. Gegen stärkere Gegner wackelte die Bude bedenklich, da spazierten ungarische und spanische Angreifer schon arg locker durch den hinteren deutschen Mannschaftsteil. Ein Wackler und die Mitte stand blank – Fort Nix statt Fort Knox.

Nun ist die Olympia-Qualifikation in Berlin, so paradox ist diese Corona-Saison, das noch wichtigere Turnier in diesem Jahr. Die WM findet alle zwei Jahre statt, Olympia nur alle vier: Zwei Plätze werden noch vergeben, ab Freitag an drei Tagen in Partien gegen Schweden, Slowenien und Algerien. Die Spiele in Tokio sind das erklärte Ziel des Teams, deshalb kehren auch einige Spieler zurück, die die WM ausgelassen haben: der Berliner Stratege Fabian Wiede, vor allem aber das zutiefst eingespielte Abwehrtrio des THW Kiel – Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold, drei Abwehrspezialisten mit jeweils mehr als 100 Länderspielen.

Ihr Entschluss, auf die Pandemie-WM zu verzichten, hatte im Team für Verstimmungen gesorgt. Torwart Andreas Wolff hatte seinen Mitspielern vorgeworfen, sich Ende Dezember zwar nach Kräften für ihren Klub reinzuhängen und die Champions League zu gewinnen, das Nationalteam aber im Stich zu lassen. Das Thema störte tagelang die WM-Vorbereitung. Pekeler wurde in den sozialen Netzwerken hässlich beschimpft, so schlimm war es.

Fachlich gibt es über Gislasons Nominierung keine Diskussion

Von den atmosphärischen Störungen ist wenig bis nichts zurückgeblieben, Bundestrainer Alfred Gislason hat immer klar gemacht, dass er den Kieler Spielern ihre Plätze freihält. Nun geht es los, am Freitag mit dem ersten Spiel gegen den WM-Zweiten Schweden (15.15 Uhr, ARD), mit den drei Champions-League-Siegern. „Die Kieler haben den Vorteil, dass ich ewig mit denen zusammen gearbeitet habe“, sagt Gislason, der Isländer war von 2008 bis 2019 Trainer in Kiel: „Was ich mit der Mannschaft neu gemacht habe, kennen die alle schon.“ Fachlich gibt es über diesen Schritt keine Diskussion, anders als im Fußball-Nationalteam, wo Joachim Löw in seinen letzten Monaten als Bundestrainer entscheiden muss, ob er Spieler wie Thomas Müller, Mats Hummels oder Jérôme Boateng nicht doch zurückholt (obwohl er längst ohne sie geplant hat).

Unter den Handballern sind sich alle einig, dass ein Team mit Pekeler, Wiencek und Weinhold stärker ist als eine Mannschaft ohne die drei. Sie kennen alle von Gislason favorisierten Abwehrsysteme auswendig, ob 6-0, 5-1 oder 3-2-1. „Wir brauchen nicht viel Abstimmung“, sagt auch Wiencek, „wir wissen alle, wie die Abwehr gespielt wird.“

Einer, der sich mit gutem Abwehrspiel auskennt, ist auch Klaus-Dieter Petersen. Er hat in den Neunzigern und frühen 2000er-Jahren die Abwehr des THW Kiel und der deutschen Nationalmannschaft zusammengehalten, er kam auf 340 Länderspiele, feierte mit Kiel acht Meisterschaften, heute leitet er die Nachwuchsschule bei den Norddeutschen. Er kennt „Peke“ und „Bam-Bam“, wie er Pekeler und Wiencek nennt, schon seit 2005, als Petersen die Jugend-Nationalmannschaft trainierte. „Die Schweden wären froh, wenn die Kieler nicht mitspielen würden“, sagt er.

Petersen findet es folgerichtig, dass Gislason für die Olympia-Qualifikation großflächig an der Mannschaft herumoperiert. Anders als bei der WM, als Johannes Golla und Sebastian Firnhaber den Mittelblock bildeten, übernehmen nun Pekeler/Wiencek diesen Part. Golla rutscht in die Rolle des Ergänzungsspielers, Firnhaber steht nicht mehr im Kader. Auf Halbrechts spielen entweder Weinhold oder Wiede, im linken Rückraum hatte Gislason durch die Rückkehr von Sebastian Heymann zunächst eine Option mehr – die jedoch durch die Verletzung von Paul Drux (Außenmeniskusschaden im linken Knie) am Mittwoch wieder wegfiel. Er habe dennoch „die Tage runtergezählt“, sagt Gislason, bis er mit dieser Mannschaft endlich loslegen konnte.

Der Trainer kann sich nun anderen Baustellen widmen

Aber ist das so einfach? Ein paar Spieler kehren zurück und plötzlich soll alles wieder flutschen? „Sie können nicht alles alleine entscheiden“, sagt Petersen, wobei er weiß, wie zentral die Statik einer Handball-Mannschaft vom Personal hinten in der Mitte abhängt. „Über das Abwehrspiel bekommt die ganze Mannschaft ihre Sicherheit“, erklärt Petersen: „Die anderen links und rechts daneben können ruhiger agieren, wenn die Kieler da sind.“

Einen wichtigen Punkt nennt Petersen kurz vor Schluss des Telefonats: „Ich freue mich für Alfred. Er kann das Training endlich für andere Dinge nutzen.“ Für den Rückraumangriff oder das Tempospiel etwa, zwei weitere Baustellen, die bei der WM offensichtlich waren. Um die Abwehr muss sich Alfred Gislason schließlich keine Sorgen mehr machen.

Quelle Süddeutsche Zeitung – Carsten Scheele

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s